Ein Affe greift in ein Loch, um sich eine Nuss zu schnappen. Da plötzlich taucht ein wildes Tier auf. Es nähert sich langsam, Schritt für Schritt kommt es auf ihn zu. Der Affe umklammert die Nuss. Doch mit der Nuss in der Hand kann er diese nicht mehr aus dem Loch ziehen und sich befreien. Er steckt fest. Das wilde Tier ist bereits bedrohlich nah. Der Affe ist paralysiert, er schafft es nicht, seine Nuss loszulassen. Und dann ist es zu spät. Er wird aufgefressen.

Stell dir vor, du seist der Affe. Das wilde Tier ist beispielsweise die Wut und die Nuss die Situation, in welcher deine Wut entstanden ist. Die Situation hält dich gefangen, und du schaffst es nicht, sie loszulassen. Dank diesem Fokus gibst du der Wut all deine Kraft, sodass diese dich mehr und mehr vereinnahmt und letztendlich auffrisst. Deine eigene Wut verschlingt dich gierig und unaufhaltsam.

Der wahre Horror – und damit ist jetzt Schluss

Loslassen ist ein Schlüsselelement im Prozess der Versöhnung, deshalb befasse ich mich in diesem Artikel mit dem Thema loslassen in Bezug auf vergangene Situationen, welche uns noch beschäftigen und nicht mit z.B. loslassen von Träumen, Zielen und Wünschen, welche zukunftsgerichtet sind.

Dieter und Karl sprechen immer noch nicht miteinander. Wenn sie am Familientisch zusammentreffen, fallen nur spitze Bemerkungen, meist unter der Gürtellinie. Dieter wirft Karl vor, er hätte seine Tochter im Stich gelassen, als diese ihn in Griechenland besuchen wollte. Karl wiederum sieht sich als Spielball der jungen ‚Madame‘ und fühlt sich zu Unrecht beschuldigt. Dieter versteckt sich hinter einer blöden Anmache, tief drin schämt er sich für sein eigenes und das Verhalten seiner Tochter, aber er schafft es nicht, dies zuzugeben. Also bleibt er im Modus: Ich beschuldige den anderen und muss so nicht bei mir hinschauen. Karl ist verletzt und gekränkt, er beharrt auf der Position, dass er unschuldig sei und die Anderen den ersten Schritt tun müssten. Eine klassische Patt-Situation.

Greta bekommt einen Kloss im Hals, kaum ist die Rede von ihrem Vater. Sie hat schon alles getan, meint sie, um die Vergangenheit zu bewältigen. Wird aber purpurrot im Gesicht, wenn sie darauf angesprochen wird, ob sie denn verzeihen könne. „Nie, niemals“, pustet es aus ihr hervor, könne und wolle sie das. Sie kommt mir vor, als wäre sie in einem Spinnennetz gefangen.

Fritz, ein Fabrikantensohn trifft seine Traumfrau. Sie ist eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen, sie sprüht geradezu von Lebensfreude. Als Fritz sie seinen Eltern vorstellt, wird sie gemustert, für unangemessen befunden und es wird ihr das Haus verboten. Fritz setzt darauf hin keinen Fuss mehr über die Schwelle seines Elternhauses, mit seinem Vater hat er bis zu dessen Tod, nicht mal am Sterbebett mehr ein Wort gesprochen.

Dies sind nur drei Beispiele aus einer Unmenge von Szenen, die sich in unserem Leben abspielen. Wir meinen:

  • im Recht zu sein,
  • unschuldig zu sein,
  • das Opfer zu sein,
  • nicht anders zu können
  • oder wir suhlen uns ganz einfach in unserem Schmerz.

Was wir uns dabei nicht bewusst sind: Dass wir,

  • uns einem der grössten Energieräuber immer wieder auf’s Neue hingeben. Sprich, Energie vergeuden, statt sie positiv zu nutzen.
  • wenn immer wir uns mit solchen Szenen befassen und nicht loslassen können in der Vergangenheit leben und unsere Gegenwart und Zukunft davon bestimmen lassen.
  • wenn wir uns als Opfer sehen, zum Täter werden indem wir jemanden verurteilen oder jemandem die Schuld zu schieben.
  • uns zum Spielball unseres Umfeldes und unserer Vergangenheit machen.

Willst du wirklich loslassen?

Doch willst du wirklich loslassen? Denn da liegt der erste springende Punkt. Oft wollen wir gar nicht loslassen und uns versöhnen. Gründe hierzu könnten sein:

  • Du möchtest die andere Person leiden lassen.
  • Du hast Angst, zurückgewiesen zu werden, wenn du als Erste(r) Hand bietest.
  • Du hast Angst, dein Gesicht zu verlieren.
  • Du weisst nicht, was danach kommt.
  • Angst vor der Leere: Die Wut, der Schmerz, die Wiederbelebung der Szene sind dein Lebensinhalt. Du redest darüber, befasst dich damit, liest Bücher darüber – Doch was machst du, womit beschäftigst du dich, wenn du das Vergangene ruhen lässt?

Du siehst, mal wieder die Angst im Zentrum. Oft ist uns gar nicht bewusst, dass sie steuert, ganz fein und unbemerkt.

Welchen Nutzen hast du, wenn du nicht loslässt?

Eine weitere unbequeme Frage: was nützt es dir, wenn du nicht loslässt? Jedes Verhalten hat einen Nutzen, auch wenn wir dies manchmal nicht wahrhaben wollen. Fritz zum Beispiel hat damit vermieden, dass er sich auf eine Konfrontation mit seinem Vater einlassen muss, dass er seinem eigenen Zweifeln an seiner Beziehung in die Augen schauen muss. Dieter muss seine Scham nicht eingestehen und keinen Streit mit seiner Tochter riskieren, indem er Karl‘s Blickwinkel als richtig in Erwägung zieht. Und Greta meint, sie könne ihren Schmerz so in Schach halten.

Was möchtest du stattdessen?

Das Festhalten an einem Gedanken, einer Überzeugung, einem Gefühl und dem starren Blickwinkel auf eine Situation kann also durchaus einen Nutzen für uns haben, resp. sogar ein Bedürfnis befriedigen. Z.B. kann das Verharren in der Opferrolle dafür sorgen, dass wir Aufmerksamkeit oder Wertschätzung erfahren. Das Verharren im lauthals Verurteilen kann das Bedürfnis nach Macht befriedigen oder uns von der Beschäftigung mit uns selber abhalten.

Welches Bedürfnis deckt bei dir das Nicht-Loslassen ab?

Kannst du loslassen?

Du hast dich entschieden, dass du loslassen willst. Super :-). Es kann nun sein, dass blitzschnell Zweifel in dir hochkriechen: Ich will ja, aber ich kann nicht. Es kann zum Beispiel sein, dass:

  • Dich ein tiefer Schmerz erfüllt und du dich derart mit diesem Schmerz identifizierst, dass nichts anderes daneben Platz hat. Das gleiche gilt natürlich für Wut oder Angst.
  • Du keine Energie mehr hast.
  • Du nicht weisst, wie das denn gehen soll.
  • Die Person, die betroffen war, bereits gestorben ist.
  • Dir dein Partner/deine Partnerin ein Veto in den Weg legt.

Welchen Nutzen hast du, wenn du loslässt?

Um dich selber zu motivieren, überlege dir, warum du dich dazu entschieden hast, loszulassen. Überlege dir, was sich dann geändert hat, wenn du losgelassen hast. Lass deinen Blick in die Zukunft schweifen und mal dir diese aus. Fritz findet inneren Frieden – und, nebenbei erwähnt: loslassen und versöhnen funktioniert auch mit Menschen, die bereits verstorben sind. Es sind deine Energie und dein Fokus, die dies bestimmen :-). Greta gewinnt viel Energie und Zeit, da sie jedes Mal in ein tiefes Loch fällt, wenn sie an ihren Vater denkt und Dieter und Karl finden sich als Brüder wieder und vereinen den Familientisch. Natürlich gewinnen auch sie Energie zurück.

Wenn du mehr über das Loslassen erfahren möchtest, dann trage dich hier zu meinen kostenlosen Mini-Kurs ein. Ich zeige dir 7 unterschiedliche Ansätze, wie du dich von deinen Altlasten befreien kannst und neue Kraft und Energie gewinnst.